Suchmaschine

SN

Samstag, 19. August 2017

Geister im Dritten Reich

In den letzten Jahren ist mir beim Studium diverser Biographien | Autobiographien von Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts aufgefallen, dass in vergangenen Krisenzeiten [vor allem im Ersten und Zweiten Weltkrieg] paranormale Erscheinungen gehäuft auftraten bzw. „außersinnliche“ Wahrnehmungen geschildert wurden. 
Tatsächlich können diese von der Evolution als „Warnmelder“ gedacht sein bzw. ist die Trennung von „Diesseits“ und „Jenseits“ dann nicht so stark entwickelt wie sonst. 
Momentan lese ich das Buch „Berliner Aufzeichnungen – Aus den Jahren 1942-1945“ von Ursula von Kardorff. Sie schildert darin ihr Leben bzw. Überleben im Berlin der Kriegszeit, wobei ihr verstorbener Bruder Jürgen im Sinne dieses Beitrages immer wieder erwähnt wird. 
So sah er etwa seinen Tod und dessen Umstände ganz genau voraus: 
Beide Brüder saßen noch bis drei Uhr nachts in meinem Zimmer. Jürgen sprach wieder davon, dass sie beide fallen würden. Er hatte schon als Sextaner Todesahnungen. ‚Wozu soll ich lernen; wenn ich alle Examen bestanden habe, ist Krieg und ich bekomme einen Bauchschuss’“. {S. 10} 
Weiter kann man etwas über eine denkwürdige Synchronitität erfahren: 
Jürgen fiel bei Slawiansk, das war der Ort, an dem E. [=der damalige Freund der Autorin] beim Vormarsch meinen Namen in einen Holzzaun geritzt hatte“. {S. 39} 
Der Verstorbene erschien dann auch einer guten Bekannten: 
Frau Menzendorf erzählte, sie habe eine Erscheinung gehabt: mitten am hellen Tag sei Jürgen gekommen, er hätte im Esszimmer am Tisch gesessen und sie sei ganz stumm wieder hinausgegangen“. {S. 64} 
Die Autorin bekam zwar keinen Besuch von ihrem verstorbenen Bruder, jedoch gesellte sich eine andere Person zu ihr: 
Hilde, die mit dreiundzwanzig Jahren verstorben ist, erschien mir. Sie sah so aus, dass ich es eigentlich nur mit dem Wort ‚glückselig’ in seiner ursprünglichen Bedeutung andeutungsweise beschreiben kann; sie lächelte und sagte: ‚Du kannst gar nicht erahnen, wie es hier ist’. Dann war sie verschwunden“. {S. 310}
--- 
Warschauer Ghetto Geister 
Derzeitige Lektüre sind die 3bändigen Lebenserinnerungen der Janina David. 1930 geboren, kamen sie und ihre Familie nach dem Einmarsch der Wehrmacht als Juden ins Warschauer Ghetto. 
Aus diesem gelang ihr die Flucht, sie konvertierte zum Katholizismus und versteckte sich als Schülerin in diversen Klöstern. 
Im Jahr 1944, nach dem niedergeschlagenen Aufstand im Ghetto und dessen Räumung, kam sie in ein Kloster welches direkt ans ehemalige Ghetto grenzte. Mitschülerinnen von ihr gaben an Geister in den leeren Häusern gesehen und gehört zu haben. ["Ein Stück Erde", S. 111] 
Nach dem Tod ihres Vaters [wahrscheinlich in einem Vernichtungslager] vernahm sie seine Stimme: 
Wenn ich allein im Wald ging, hörte ich seine Stimme so deutlich, als würde er hinter dem nächsten Baum stehen und rufen, und ich nahm die Gewohnheit an, mich überraschend umzudrehen, um ihn dabei zu erwischen, wie er sich mir näherte“. ["Ein Stück Erde", S. 185] 
Dass die Autorin überlebte - und mit ihr die Nonnen und Schülerinnen – hing vor allem mit dem merkwürdigen, aber sehr nützlichen „Talent“ einer Schwester Zofia zusammen. 
Diese wusste immer ganz genau im Voraus wann und wo Granaten und Bomben [Aufstand in Warschau, Einzug der Roten Armee usw.] einschlagen würden und warnte so die Menschen in ihrem Umfeld. 
Der Grund war, dass sie um sich die Gegenwart eines Freundes spürte, eines Priester – er war schon tot -, der in ihrem Noviziat ihr Beichtvater gewesen war. […] 
Als er noch lebte, aber in einem weit entfernten Landesteil, erhielt sie oft telepathische Botschaften, die anscheinend auch mit seinem Tod nicht aufhörten“. ["Ein Stück Erde" S. 186]